Seit gut einer Woche weile ich nun in der zur Region Eastern Cape gehörenden, viertgrößten Stadt Südafrikas: Port Elizabeth. Der Ort wird vielen von euch vielleicht noch als WM-Spielort in Erinnerung geblieben sein, denn die deutsche Mannschaft musste hier im vergangenen Jahr zunächst eine bittere Pleite gegen Serbien einstecken, ehe sie sich später an selber Stelle gegen Uruguay Platz 3 sicherte.
Nach einigen vergeblichen Versuchen, über eine Organisation an einen Freiwilligenplatz in Afrika zu gelangen, erfuhr ich schließlich über Umwege von einer Non-Profit-Einrichtung namens House of Resurrection Haven, die noch auf der Suche nach einem männlichen Freiwilligen war. Da Südafrika neben Ghana und der Elfenbeinküste zu den von mir favorisierten Ländern für ein Auslandsjahr in Afrika gehörte, entschloss ich mich dazu, diese Möglichkeit trotz fehlender finanzieller Unterstützung aus dem Bundesfreiwilligenprogramm wahrzunehmen und nach Port Elizabeth zu kommen. Im Klartext heißt das: Unterkunft und Verpflegung bekomme ich größtenteils gestellt, dafür gibt es aber kein Gehalt und die Flug- und Visumskosten musste ich selbst aufbringen.
So weit zur Vorgeschichte.
Ein weiterer Grund für mich, diese Einrichtung zu wählen, war sicherlich die Aussicht, mit Kindern arbeiten zu können (was ich zwar zuvor noch nie getan habe, mir aber recht reizvoll erschien). Im House of Resurrection Haven wird nämlich Kindern ein zu Hause geboten, die sich mit AIDS infiziert haben (und zum Teil AIDS-Waisen sind) oder deren Eltern sie aufgrund der Krankheit nicht mehr versorgen können. Im Leitfaden der Einrichtung ist also von "infected or affected by AIDS" die Rede. Dennoch steht hier nicht unbedingt die Betreuung medizinischer Art im Vordergrund, sondern ganz einfach die Fürsorge, die den Kindern entgegengebracht werden soll, sowie das Ziel, ihnen Perspektiven für ein Leben mit der Krankheit zu eröffnen. Dazu sollte man erwähnen, dass zumindest nicht alle Kinder HIV-positiv sind.
In den nächsten Wochen werde ich nahezu rund um die Uhr erleben können, wie dies tatsächlich umgesetzt wird und in welchem Zustand sich die Kinder befinden, denn ich werde bis Oktober in einem Zimmer (der ehemaligen "nursery") des House of Resurrection untergebracht sein. Anschließend werde ich voraussichtlich eine Wohnung (mit Pool!) im etwas schöner gelegenen Stadtteil Walmer beziehen, aber dazu mehr, wenn es soweit ist.
Am vergangenen Sonntag bin ich zunächst von Hamburg nach Amsterdam und von dort (mit einem Weintester als Sitznachbarn) nach Kapstadt geflogen. Da die Ankunft erst um halb 10 erfolgte und es im südafrikanischen Frühjahr derzeit schon um 6 dunkel wird, war von Kapstadt leider nicht viel zu sehen. Einen Zeitunterschied gibt es zwischen Deutschland und Südafrika während der Sommerzeit nicht. Ich habe mir aber vorgenommen, Kapstadt in naher Zukunft auf jeden Fall richtig zu besuchen, zumal dort mit Samuel Weichsel ein wohlbekannter Abi-Kollege von mir ebenfalls als Freiwilliger tätig ist. Samuel half mir dann auch gleich beim Zeittotschlagen am Flughafen in Kapstadt (ihm sei hiermit dafür gedankt!), mein Flug nach PE ging nämlich erst am nächsten Morgen und ich musste irgendwie ohne Schlaf durch die Nacht kommen. Zum Glück konnte ich mich am Montag bei der Leiterin des House of Resurrection, die mich vom Flughafen abholte und vorübergehend bei sich aufnahm, erstmal richtig ausschlafen. Am Montag lernte ich dann noch Melanie persönlich kennen, eine weitere deutsche Freiwillige, die für die Gemeinde der St John's Anglican Church arbeitet, unter deren Obhut auch das House of Resurrection steht.
Dienstag ging es dann also los zu meiner richtigen Arbeitsstelle, die man von Walmer in einer knappen halben Stunde erreicht. Auf dem Weg wurde mir auch schnell klar, dass die Berichte über das enge Nebeneinanderleben von Arm und Reich in Südafrika ihre Richtigkeit haben. Wir kamen durch Wohngegenden verschiedenster sozialer Schichten. Zunächst eröffnete sich mir noch ein schöner Ausblick auf das Nelson Mandela Bay Stadium und das Meer (das ich trotz der Nähe in den letzten Tagen kaum zu Gesicht bekommen habe), ehe wir auf einer Art Bundesstraße die ärmeren Gegenden außerhalb des Stadtkerns durchquerten, die natürlich fast ausschließlich von Farbigen bewohnt werden. Selbst hier prägen die berüchtigten Wellblech- und Bretterbuden jedoch nur vereinzelte Straßenzüge, die meisten Häuser sind zumindest gemauert. Dafür liegt unheimlich viel Müll an den Straßen und viele Leute (auch im Stadtkern) lungern einfach nur auf den Bürgersteigen herum und betreten absolut willkürlich die Fahrbahn, sodass ich schon ein paar Mal fast Zeuge eines Crashs geworden wäre. In einem meiner Bücher hatte ich schon von diesem Risiko gehört, irgendwie geht es aber wohl doch meistens gut. Dazu kommen die zahlreichen Straßenverkäufer, die an roten Ampeln lauern, um Rugby-Trikots und Ähnliches anzubieten. Sie sind aber recht harmlos und nicht allzu aufdringlich. Insgesamt habe ich mit Gewalt oder Diebstahl hier (zum Glück) noch keine echten Erfahrungen gemacht, vielleicht auch, weil ich ziemlich vorsichtig bin und nachts bisher noch nicht allein unterwegs war. Einzig ein Streik überraschte mich und zwei Mitarbeiter vom Haven, als wir in PE eine Kleiderspende abholen wollten. Die Schüsse, die uns zunächst aufschreckten, schienen aber nur in die Luft geschossene Platzpatronen der Polizei zu sein, die einer Eskalation vorbeugen wollte.
Das House of Resurrection jedenfalls befindet sich direkt an dieser Bundesstraße im Stadtteil Salsoneville, am Fuße einiger kahler Hügel. Das Meer lässt sich in der Ferne nur erahnen. In der Nähe befindet sich das Einkaufszentrum Cleary Park und etwas, das wohl eine islamische Bibliothek sein soll. Ein Nachtklub (aus dem man jedoch nie einen Laut vernimmt) und zwei kleine Shops sowie die Grundschule für die älteren Haven-Kinder sind unmittelbar in der Nachbarschaft. Klingt nach einer ungewöhnlichen Mischung, aber das ist eben Südafrika!
Nachdem ich dort angekommen war, machte ich zunächst Bekanntschaft mit meinen neuen "Kollegen" und ließ mir das Gelände zeigen. Der Weg zum Main Building wird gesäumt von mehreren Cottages, von denen eins als Lagerraum und eins als "study room" dient, wo die Hausaufgabenbetreuung für die Kinder stattfindet. Ansonsten werden sie von den "house mothers" bewohnt, die sich jeweils um etwa ein halbes Dutzend Kinder kümmern. In einem Cottage ist zudem die "play school" untergebracht, wo für die Vormittagsbetreuung der Kinder gesorgt wird, die noch nicht zur Schule gehen. Die "play school" ist entsprechend vollgestopft mit Spielzeug. Das große Hauptgebäude umfasst die Schlafräume für die übrigen "house mothers" und Kinder, die Küche mit einem Speisesaal nebenan und einem Außenbereich für Waschmachinen etc., eine Garage, einen kleinen Gebetsraum für Gottesdienste, ein Büro für die beiden Sekretärinnen und den "supervisor" und eins für die Chefin, einen Fernsehraum, einen sogenannten "duty room" sowie mein Zimmer. Letzteres ist auch mit einem kleinen Badezimmer ausgestattet (ohne Dusche, nur mit Badewanne) und ist ziemlich groß, dafür aber auch oft entsprechend kalt (ein Heizlüfter schafft zum Glück Abhilfe). Ich habe genug Dinge hier, um mir auch mal selbst Essen zu machen, allerdings gibt es nur eine funktionierende Steckdose.
Über den hinteren Teil des Geländes erstreckt sich eine recht weitläufige Rasenfläche und an das Hauptgebäude grenzt ein Spielplatz mit Schaukeln, einer Wippe und Klettergerüsten, auf dem ich viel Zeit mit den Kindern verbringe. Das ganze Grundstück ist aus (berechtigter) Angst vor Diebstahl von einer Mauer mit Stacheldraht umgeben, die Autos werden nachts sogar teilweise in große Container gefahren. Im Vergleich zu den noch ärmeren Wohnbezirken auf der gegenüberliegenden Straßenseite am großen Salzsee macht Salsoneville jedoch auf mich bisher keinen extrem zwielichtigen Eindruck.
Nun müsstet ihr schon ziemlich genau vor Augen haben, in welchen Umständen ich hier lebe. Ich habe mich dazu entschlossen, lieber ausführliche Berichte in dafür etwas größeren Zeitabständen zu posten. Im nächsten Eintrag erfahrt ihr dann, wie meine ersten beiden Wochen abgelaufen sind und wie sich die Arbeit mit den Kindern entwickelt. Dazu findet ihr hier bereits ein paar Fotos. Fragen könnt ihr mir hier oder auf Facebook stellen.
Liebe Grüße aus PE,
Robert
Hey, hört sich ja ziemlich spannend an, was du bisher für Eindrücke von deinem Freiwilligendienst hast;).
AntwortenLöschenMal wieder in sprachlich einwandfreier Ausdrucksweise! Ich hoffe du hast dort unten viel Spaß, ich bin zumindest gespannt auf weitere Berichte.
Viele liebe Grüße von der Ostseeinsel Fehmarn (mein neues Zuhause als ebenfalls Freiwillige) wünscht Julia N. ;)
Ich wünsch dir alles gute für dein jahr da drüben, poste fleissig!
AntwortenLöschengrüsse aus Paraguay
Alex
Poste nicht zu viel, sonst kauft spaeter niemand mehr dein Buch!
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